Die Geschichte des Hauses

vgl. Rieder, Walter: 500 Jahre Gasthäuser in Ebensee. Geschichte und Gegenwart von Ebenseer Gasthäusern, 2. Auflage, KNAPP Verlag 2019

Das Gasthaus zur Ebensee (ugs. der Emseea) ist eine der ältesten Bauten in Ebensee am Traunsee. Das Haus wird bereits 1626 in Handschriften als Landwirtschaft erwähnt und seit 1708 auch als Gasthaus angeführt. Zu jener Zeit sind, in der damals noch recht jungen Gemeinde erst ca. 1000 Menschen registriert, die großteils in der Holzarbeit und der damit verbundenen Salzgewinnung tätig sind. 

Die Vermutung liegt hier nahe, dass eben jene Ebenseer Arbeiter und Arbeiterinnen nach Orten suchten, an denen soziale Kontakte möglich waren und auch andere arbeitende Menschen aus der Region (wie etwa: Arbeitende von außerhalb, Traunreiter, Händler*innen, Gesandte, Postboten, etc.) eine Nächtigungsmöglichkeit brauchten, weswegen zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein – ja das erste – Gasthaus der Gemeinde hersollte. Die Landwirtschaft wurde zum öffentlichen Ort des Umtrunkes.

Nur nebenbei bemerkt: Man bedenke, dass erst 1729 der Bau der Ebenseer Kirche beginnt. Das Verlangen der Ebenseer und Ebenseerinnen nach einem eigenen Wirtshaus war demnach wohl sogar stärker als jenes nach einem Ort des Glaubens. Nun kann man das sehen, wie man will, doch würden manche von Ihnen nicht auch lautstark widersprechen und von einem Schutz eines Kulturguts sprechen, wenn diese junge Kirche (aus welchen Gründen auch immer) zugunsten von Wohnraum abgerissen werden sollte? Das Gasthaus zur Ebensee jedenfalls existiert als Haus nahezu ein Jahrhundert länger als das Kirchengebäude des „schönen“ Ortes. 

Doch zurück zur Sache: Das Gasthaus überdauerte. Es überdauerte Jahrhunderte. Und mit ihm all die tragisch-komödiantischen Freuden und Leiden, welche ein solcher Ort mit sich bringt. Stereotypisch kurz in einem oberflächlichen Längsschnitt dargestellt: Während dem Wüten der Pest um 1700, der Französischen Revolution und allen daraus resultierenden gesellschaftlichen Entwicklungen, der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika, der Ermordung Luigi Luchenis, dem Fall der europäischen Monarchien, während Frauen das Wahlrecht erhielten, während des nationalsozialistischen Genozids, der Kriegsverbrechen der USA in Vietnam, der Schrecken der kommunistischen Roten Khmer und der beginnenden Dekolonialisierung Afrikas, während all dieser und myriaden anderer vergangener Zäsuren wurde im Emseea an Tischen gelauscht und gestritten, zu lauter Musik getanzt, sowie selbstverständlich ausgiebig getrunken und gegessen. 

Im Jahre 1990 wird es von einigen ortsansässigen Mutigen (namentlich: Andreas Zohner, die Gebrüder Wallinger, Gudrun Hotter und Franz Kornberger) nicht aufgegeben und gemeinsam mit Hilfe zahlreicher, weiterer Menschen wiederaufgebaut. Bei allem Konflikt gab es nun ein gemeinsames, generationenkonfliktlösendes Ziel der Gemeindebewohner*innen: „[…] Altes mit Neuem zu verbinden. So beließ man das alte Gastzimmer in seiner urigen Form mit Kachelofen, Wandgemälden und Holztramdecke und gestaltete den daran anschließenden Raum kontrastreich in Marmor, Metall und Spiegel.“ (Quelle: Rieders „500 Jahre Gasthäuser in Ebensee“) 

Nach dessen Wiedereröffnung wurde das schon tot geglaubte Gasthaus zur Ebensee zu einem Hort einer weit über die Grenzen Europas hinausreichenden Gegenkultur, in dem Rock, Blues und Jazz gemeinsam neben „traditioneller“ Volksmusik aufgelegt, live gespielt und gleichzeitig gleichberechtigte Meinungsfreiheit hochgeschrieben wurde. In den letzten 30 Jahren sprachen in diesem Haus Vogelfänger mit Künster*innen, Freigeister mit Politiker*innen, Wissenschafter*innen mit Mystiker*innen, Fußballer*innen mit Kunstbegeisterten. Natürlich – nicht jede dieser Diskussionen war ein nüchternes Freundschaftsbekenntnis, doch letzten Endes war es eines: es war Disskussion.

Kurzum: Das Gasthaus zur Ebensee ist Teil einer Geschichte, deren Handlung weit über die Ortsgrenzen hinausgeht. Soll auch hier wieder (wie schon so oft in der Geschichte Ebensee) die eigene Vergangenheit zugunsten einer kollektiven Demenz und letztlich um des Geldes wegen vernichtet werden?

Quellen:
Rieder, Walter: 500 Jahre Gasthäuser in Ebensee. Geschichte und Gegenwart von Ebenseer Gasthäusern, 2. Auflage, KNAPP Verlag 2019.